Social Entrepreneurs: Krisen- und zukunftssicher?

Die Coronavirus-Pandemie hat 2020 für uns alle zu einem historisch außergewöhnlichen Jahr gemacht. Neben den gesundheitlichen und sozialen Auswirkungen stellt COVID-19 auch die Wirtschaft auf eine harte Probe. Vor allem kleinere Unternehmen kämpfen vielerorts um ihre Existenz. Wir haben uns gefragt, wie insbesondere Sozialunternehmer:innen aktuell damit umgehen.


Persönlich gesprochen haben wir mit Alexander Haufschild von Socialbnb und Dr. Frauke Fischer von PERÚ PURO. Das Team rund um Alexander stammt aus der Studierendenorganisation Enactus (Köln), die weltweit das Sozialunternehmertum in Studentenkreisen unterstützt. PERÚ PURO hat Frauke zusammen mit ihrem Kollegen Dr. Arno Wielgoss gegründet, den sie in ihrer Funktion als Dozentin für Tropenökologie an der Uni Würzburg kennengelernt hat. Vor etwa sechs Jahren haben sie sich dazu entschieden, ihr Fachwissen Schritt für Schritt in ein nachhaltiges Unternehmen zu übersetzen.
Beide Teams sind damals zum Start der Impact Factory, also im Juli 2019, zu uns gekommen – für unsere Verhältnisse schon „Veteranen“. Wir haben sie nach Herausforderungen seit Beginn der Pandemie gefragt und wie sie ihre nähere Zukunft einschätzen.

Könnt ihr euch kurz vorstellen? Was macht ihr?

Alex: Socialbnb bietet Reisenden eine Plattform, die es ihnen ermöglicht, Unterkünfte an ihrem Ziel bei Hilfsorganisationen und NGOs zu buchen. So geben wir den jeweiligen Organisationen eine stabile Einkommensquelle, um sich stärker selbst zu finanzieren und weniger auf Spenden angewiesen zu sein. Gleichzeitig bekommen die Urlauber:innen eine sehr besondere und authentische Reiseerfahrung, bei der sie Land und Leute hautnah kennenlernen können.

Frauke: Mit PERÚ PURO schaffen wir für Kleinbauern durch direkten Handel einen Marktzugang für bio-zertifizierten Kakao (und Kaffee) aus Peru, den wir in verschiedener Form verarbeiten und verkaufen. Unsere Produkte gehen weit über klassische Bio-Zertifizierungen hinaus, schützen aktiv Regenwald und bieten den Kakaobauern und -bäuerinnen einen überdurchschnittlichen Verdienst. Bei uns steht neben der besonders hohen Qualität der Produkte eine langfristige Perspektive für Menschen und aktiver Biodiversitätsschutz im Fokus.

Und was unterscheidet euch von konventionell wirtschaftenden Konkurrenten?

Alex: Wir sehen uns nicht als simple Vermittler bzw. Serviceleistung. Wir stehen im engen Kontakt mit unseren Partnerorganisation, beraten und unterstützen sie in vielen Belangen. Wir bieten nicht nur Unterkünfte, unser Projekt lebt von kulturellem Austausch und dem Interesse unserer Reisenden an den Ländern und Menschen. Daraus entsteht eine Win-Win-Situation: Wir können unseren Kund:innen eine besondere, bereichernde Erfahrung und gleichzeitig weltweit vielen Menschen über die NGOs eine bessere Zukunft bieten.

Frauke: Unsere Credos sind „mehr als fair“ und „besser als Bio“. Das heißt, dass wir unseren Kakaobauern und -bäuerinnen das Doppelte des Mindest-Bio-Fair-Trade Preises zahlen und außerdem Zwischenhändlern komplett aus der Gleichung entfernen. Wir bauen in sogenannten Agroforst-Mischkulturen an. Das bedeutet, dass auf unseren Flächen nicht nur Kakao wächst, sondern auch andere (Nutz-)pflanzen und vor allem bis zu 70 einheimische Baumarten. Zudem schützen wir aktiv 900 Hektar intakten Regenwald. Diese Anbauweise ist nicht nur ökologisch, sondern auch ertragreich– ein Hektar liefert neben einer Vielzahl weiterer Nutzpflanzen etwa doppelt so viel Kakao wie konventionelle Monokulturen, wie z.B. in Ghana.

Wie seid ihr ins Jahr 2020 gestartet?

Alex: Eigentlich sehr gut. Wir hatten uns Anfang des Jahres vor allem auf die Generierung von Buchungen fokussiert und von Januar bis März deutlich wachsende Zahlen gesehen…

Frauke: Nach langer Arbeit konnten wir zum Jahreswechsel endlich eine Anlage anschaffen, mit der unser Kakao direkt in der Kooperative weiterverarbeitet werden kann. Mit zusätzlichen Schulungen möchten wir mit diesem Schritt vor allem den Frauen der Kakaobauern eine Perspektive bieten, zum Lebensunterhalt ihrer Familie beizutragen. Die Installation haben wir im Februar abschließen können. Wir konnten dieses Jahr wieder mehr Kakao kaufen als im vergangenen Jahr und den Bauern einen noch höheren Preis zahlen. Unsere Schokoladenproduktion hat sich über die letzten drei Jahre verdreifacht. Außerdem haben wir uns darüber gefreut, für den deutschen Nachhaltigkeitspreis 2020 nominiert gewesen zu sein.

Wann hat die Pandemie euch persönlich erreicht? Wie seid ihr damit umgegangen?

Alex: …bis diese dann kurz darauf stark eingebrochen sind. Natürlich haben wir dann selbst aktiv pausiert und auch storniert, um das Infektionsgeschehen nicht zu verschlimmern. Es war jedoch eigenartig zu sehen, wie Corona innerhalb kürzester Zeit in jeder Ecke der Welt präsent war. Es gab bei unseren Kund:innen und Followern großes Interesse, zu erfahren, wie es den Menschen in anderen Ländern geht. Daher haben wir versucht, virtuelle Touren durch unsere Reiseländer und Spendenaufrufe für unsere NGO-Partner zu veranstalten. Als Unternehmen haben wir die letzten Monate dafür genutzt, uns weiterzuentwickeln. Wir haben unseren Fragenkatalog für mögliche neue Kooperationen reflektiert und verfeinert. Im Zuge dessen haben wir tolle neue Projekte mit aufgenommen und unser Angebot zum Ende des Jahres auf über 100 Ziele in 35 Ländern mehr als verdoppelt. Unsere Zielgruppe möchten wir langfristig insofern erweitern, dass wir auch Unterkünfte mit etwas mehr Komfort anbieten – also nicht nur Abenteurer:innen und Backpacker:innen ansprechen. Gleichzeitig haben wir stetig an Strategie und Strukturen gearbeitet. Das heißt: am Marketing gefeilt oder über ein visuelles Redesign Gedanken gemacht.

Frauke: Angelegenheiten vor Ort, wie diese Trainings, mussten wir nach dem Eintreten der Lockdowns vorerst verschieben. Da aber der Import aus Peru recht kontaktlos abläuft, sind wir ansonsten wenig eingeschränkt, was die Arbeit mit unseren Kooperativen in Peru angeht. Etwas anders sah es bei uns mit der Abnahme aus.

Hat die Pandemie euch als Unternehmer ernsthaft bedroht?

Alex: Wir haben das Glück, als Online-Plattform aktuell wenig Fixkosten zu haben. Außerdem sind wir als Team (noch) nicht von Socialbnb finanziell abhängig. Gleichzeitig bestehen noch Rücklagen von Preisen vergangener Gründerwettbewerbe und dem Gründerstipendium NRW. Das hat uns über das Jahr deutlich mehr Souveränität gegeben. Zum nächsten Jahr planen wir, erstmals auf Umsätze zu schauen und uns in eine GmbH umzuwandeln, um langfristig wirtschaftlich tragfähig zu werden. Ich glaube, dass uns solch eine Situation ein paar Jahre später deutlich härter getroffen hätte.

Frauke: Für uns hier in Deutschland war das Hauptproblem, dass die über 100 Läden, die unsere Produkte verkaufen, in vielen Fällen schließen mussten. Unser Webshop hat uns klar Abhilfe verschafft. Aus Prinzip haben wir auch seit jeher auf Investorengelder verzichtet, um nicht in übliche profitorientierte Strukturen zu geraten. Unser „Kerngeschäft“ des sozialen und ökologischen Fortschritts hat quasi keine Einbuße erfahren – im Gegenteil – unsere Partner-Landwirt:innen sind so gut durch die harten Lockdowns in Peru gekommen wie kaum jemand in ihrem Umfeld. Das haben wir im großen Maße dem Mischkultur-Anbau zu verdanken: Zum einen konnten sie durch das Wegfallen von Einkäufen in der Stadt ihre Kontakte stark reduzieren, zum anderen war ihre Ernährung gesichert. Unser System ist deutlich resilienter – ob in normalen oder Krisenzeiten!

Was plant ihr für (nahe) Zukunft? Wo, denkt ihr, geht es hin?

Alex: Wir möchten mit Socialbnb natürlich beweisen, dass Tourismus auch anders geht. Die Branche steht jetzt vor einem Umbruch. Wir möchten an dieser Stelle mitgestalten und dafür sorgen, dass bewusstes und nachhaltiges Reisen mehr in den Vordergrund rückt. Wir glauben, dass die enorme Wirtschaftskraft von Tourismus viel klarer für gute Zwecke genutzt werden kann. Unsere Partnerorganisationen zeigen aktuell, was das bedeutet: Vor allem zu Anfang der Pandemie haben wir gesehen, wie wichtig sie für ihr lokales Geschehen sind. Sie haben sich maßgeblich daran beteiligt, ihre Communities zu unterstützen, zum Beispiel in Form von medizinischer Versorgung und Aufklärung. Viele haben weit über ihr Projekt hinaus ihrem Umfeld helfen können. Als Unternehmen setzen wir jetzt auf das Jahr 2021. Wir hoffen, dass sich die Situation im Frühjahr soweit entspannt, dass wir mit unseren erweiterten Reisekatalog mit gutem Gewissen durchstarten können. Eine Idee für die nahe Zukunft ist außerdem, den inländischen Tourismus zu fördern und auch die Leute abzuholen, die in ihrem eigenen Land reisen möchten. Dafür suchen wir jetzt Multiplikatoren.

Frauke: Corona hat unser Geschäftsmodell eigentlich nur bestätigt. Besonders jetzt zeigen wir, dass es Natur und Menschen besser geht, wenn wir bewusster mit Ressourcen umgehen und auf Langfristigkeit setzen. Unsere Umwelt ist unglaublich stark vernetzt, Biodiversität muss immer ganzheitlich gedacht werden. Ohne die Mücke gäbe es keine Schokolade! Die Kakaopflanze hat eine sehr komplexe Struktur, die von zum Beispiel Bienen nicht bestäubt werden kann. Das passiert ausschließlich durch bestimmte Mückenarten (Mehr zur Vernetzung unserer Umwelt gibt es übrigens in meinem aktuellen Buch „Was die Mücke je für uns getan hat“ nachzulesen). Unser Anbau-Modell ist ganz klar skalierbar und für uns die Zukunft des Kakaoanbaus. Und auf sozialer Ebene muss sich jeder, der sagt „Mehr als zwei Euro für Schokolade sind mir zu teuer“, der Konsequenz bewusst sein, dass dadurch jemand anders auf der Welt leidet. Die damit zementierten Ungerechtigkeiten haben viele Effekte bis hin zur Entstehung von Flüchtlingsbewegungen.

Vielen Dank an euch beide!

Heißt das also, dass für Sozialunternehmer:innen eigentlich alles rund läuft? Nein, natürlich muss man eingestehen, dass allgemein betrachtet zahlreiche Social Start-ups aktuell vor besonderen Herausforderungen stehen – vor allem, wenn sie finanziell noch nicht so gefestigt sind oder ihr Kerngeschäft persönlichen Kontakt erfordert. Das Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland (SEND) resümiert im Frühling über den Stand der Dinge. Zu Anfang der Pandemie war ein Kernproblem, dass Sozialunternehmen in den Hilfepaketen schlichtweg vergessen wurden oder durch viele Raster gerutscht sind, weil sie zu jung sind oder noch keine Umsätze verbuchen. Über das Jahr haben Anstrengungen aus eigenen Kreisen die Situation etwas verbessert. Der aktuelle, erneute Lockdown und die nahe Zukunft werden zeigen, wie effektiv diese Maßnahmen tatsächlich sind.
Unsere Interviews beweisen im Gegenzug aber auch, dass ein grundsätzlich überdachtes, sozialeres Wirtschaften vielen Menschen, und das nicht nur in Deutschland, besser durch die Krisenzeit hilft. Wenn nicht die Profitmaximierung als höchste Maxime besteht, bleibt schlichtweg mehr übrig für Mensch und Umwelt.

 

 

  • Patrick Weisker | 
  • 7. Januar 2021 | 
  • Kategorien: Blog